Gründerzeitmuseum im Gutshaus Mahlsdorf

Charlotte

Charlotte von Mahlsdorf wurde am 18. März 1928 in Berlin-Mahlsdorf als Lothar Berfelde geboren. Der zarte, sich als Mädchen fühlende Knabe hatte sehr unter seinem gewalttätigen Vater Max Berfelde zu leiden, der einen Soldaten aus ihm machen wollte. Zuflucht und Geborgenheit fand "Lottchen" beim Großonkel Josef Brauner. Was ihn hier umgab, sollte eine Liebe für das ganze Leben werden: die Wohnkultur der Gründerzeit. Im Ideal eines Dienstmädchens um 1900 sah der Heranwachsende bald seine weibliche Natur verkörpert.

Früh gepackt von der Sammelleidenschaft hatte der Achtzehnjährige bereits 1946 fünf vollständige Zimmereinrich-tungen zusammengetragen. Eine erste Bleibe für seine Sammlung fand er von 1946 bis 1948 im halb zerstörten Schloss Friedrichsfelde. Hier bot er erstmals öffentliche Führungen an. Später arbeitete er im Märkischen Museum als Museumskon-servator und spezialisierte sich auf gründerzeitliche Musik-maschinen.

1958 nahm sich Berfelde des vom Abriss bedrohten Gutshauses Mahlsdorf an. Mietfrei konnte er in sein neues Zuhause einziehen – eine durch zahlreiche Umbauten verunstaltete Halbruine.

Er eröffnete am 1. August 1960 zunächst in zwei Räumen sein Gründerzeitmuseum. In langwieriger, mühevoller Arbeit stellte er das Gutshaus in der um 1815 vorhandenen Gestalt mit einigen der Veränderungen von 1869 wieder her. 1972 wurde das Gebäude auf die Denkmalliste der DDR gesetzt. Es gilt heute als ein bedeutendes Zeugnis der Gutswirtschaften des 18. Jahrhunderts und darüber hinaus als ein herausragendes Dokument der privaten Denkmalpflege in Berlin.

Unterdessen wuchs die Sammlung weiter, die in ihren besten Zeiten 23 Zimmereinrichtungen umfaßte. Daneben gab es Spezialsammlungen: Uhren, Kostüme, Nähmaschinen, Spiegel, Öfen und vor allem Musikmaschinen. Vieles davon ging verloren, als der Staat 1974 das Museum in seinen Besitz bringen wollte. Berfelde, der durch unbillige Steuerforderungen unter Druck gesetzt wurde, verschenkte seine Sammlung lieber Stück für Stück an die Besucher.

Durch das Engagement der Schauspielerin Annekathrin Bürger und des Rechtsanwalts Friedrich Karl Kaul konnte die Aktion 1976 gestoppt werden. Bis 1995 führte Charlotte die Besucher durch ihre noch immer bewunderungswürdige Sammlung. Das Gründerzeitmuseum war ein Geheimtip unter Museumsfreunden. Es besaß eine einzigartige Aura, von der sich neben der Schwulen- und Lesbenszene sowie Film- und Fernsehteams, die unterschiedlichsten Menschen angezogen fühlten.

Spätestens mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1992 wurde die faszinierende Außenseiterin Charlotte und ihr Lebenswerk in ganz Deutschland und darüber hinaus bekannt. Schlimme Ahnungen nach einem brutalen Überfall von Neonazis 1991 auf ein Frühlingsfest im Gutshaus sowie finanzielle Belastungen veranlassten sie jedoch zu dem schweren Entschluss, ihre Heimat zu verlassen.

1995 wurde das Gründerzeitmuseum offiziell geschlossen. Im Frühjahr 1997 übersiedelte Charlotte nach Porla Brunn in Mittelschweden und eröffnete dort ein Jahrhundert-wendemuseum. Teile ihrer Sammlung verkaufte Charlotte an die Stadt Berlin. Sie blieben im Gutshaus Mahlsdorf und konnten so für die alte und neue "Gründerzeit-Metropole" erhalten werden.

Am 18. April 1996 gründen 26 Hellersdorfer eine Bürgerinitiative zur Rettung des Gründerzeitmuseums, der Heimatverein Hellersdorf fordert eine politische Willenserklärung vom Bezirksamt, dass das Gründerzeitmuseum als „kulturelle Begegnungsstätte im Bezirk erhalten bleibt.“
Seit 1997 wartet, pflegt und präsentiert der Förderverein Gutshaus Mahlsdorf e.V. das Gutshaus Mahlsdorf mit der Gründerzeitsammlung.
Bei einem Besuch in Berlin verstarb Charlotte unerwartet am 30. April 2002. Anlässlich des ersten Todestages setzte der Förderverein Gutshaus Mahlsdorf e.V. im Gutspark einen Gedenkstein aus rotem Sandstein für Charlotte von Mahlsdorf. Dieser Stein wurde von der Interessengemeinschaft Historische Friedhöfe Berlin ausgesucht und vom Förderverein mit einer Gedenktafel versehen, die am 24. August 2003 enthüllt wurde.